Überschrift

Junker Wolf von Böselager:

Das Streben eines kriegsmüden Majors  nach standesgemäßem Ruhesitz und Begräbnisort

Das Familienwappen der Familie von Boeselager

oder:

Wie die Wiefelsteder Kirche

zu ihrer ersten Orgel kam

Die Christian-Vater Orgel in der Kirche zu Wiefelstede

Vertrag des Wolf von Böselager zu Lehe mit Pastor Anton Günther Peters (Wiefelstede) aus dem Jahre 1727

Nachdem bey meiner jetzo sich vermehrenden LeibesSchwachheit, mir den Tod billig alle augenblicke vorstelle, und dahero auf ein standesmäßige Begräbniß bedacht sein muß; So habe den Herrn Pastoren Peters hiemit freundlich ersuchen wollen, nach meinem Absterben so fort beym Königl-Consistorio zu Oldenburg es dahin zu veranstalten, daß ich gegen einem billigen aequivalent an die Wiefelstetter Kirche Behuf eines neuen orgels, eine erb- und eigenthümliche freye Grabstelle in der Kirche zu Wiefelstette erhalte, und als dann mein erblaßter Leichnam vor meinem erbauten KirchenStuhl vorm Turm in besagter Kirche beygesetzet, zugleich auch mein Wapen samt einer Fahne aufm Chor gesetztet werden möge. Welches aequivalent das Hochlöbliche Consistorium von meinen, in dem amt Rastette aus stehenden zum theil wohl noch ungewißen, doch richtigen activ forderungen hernehmen kan. Uhrkundlich deßen habe ich dieses aufzusetzen befolen. Selbst eigenhändig untergeschrieben, mit meinem angebohrnen adelichen Pittschaft bedrücket und darauf daßelbe dem Herrn Pastori Peters zu seiner mir gütig versprochenen observance ausgehendiget.

Geschehen Lehe den dritten Mart: 1727.

 

Den meisten Wiefelstedern die Summe von 300 Reichsthalern wohl vorgekommen sein, die der Junker Wolf von Böselager im Jahre 1727 der Kirche zu Wiefelstede "behuf eines neuen orgels" vermachte. Auf diesen Betrag beliefen sich die im nebenstehenden Vertrag erwähnten Forderungen des Verstorbenen. Bei einem Preis von etwa 5 Talern für eine Kuh war dies in der Tat eine stolze Summe und sie ermöglichte die Anschaffung einer ersten Orgel für diese Kirche. 444 Reichsthaler kostete das Musikinstrument aus der Werkstatt von Meister Christian Vater (Hannover) und für weitere 300 Reichsthaler wurde der Orgelboden hergerichtet. Das noch fehlende Geld erbrachten Kirchgelder und eine Sammlung im Kirchspiel.

Erklärungsversuche...

 

In den meisten Gegenden Deutschlands hätte die Spendensumme vermutlich weniger Aufsehen erregt. Hier, im oldenburgischen Wiefelstede,  war der bäuerlichen Bevölkerung die standesgemäße Selbstdarstellung der adeligen Gesellschaftsschicht jedoch so fremd, geworden, dass man zu ihrem Verständnis auf die Erklärungsmuster von Legenden zurückgriff. Als Ludwig Strackerjan in der Mitte des 19.Jahrhunderts in einer großen Fragebogenaktion u.a. die Sagen aus dem Oldenburger Land zusammentragen ließ, konnte er sogar gleich zwei Varianten feststellen:

1.

Vor langen, langen Jahren, als in der Wiefelsteder Kirche noch keine Orgel war, gab sich der damalige Lehrer und Vorsänger, der gern Organist werden wollte, viele Mühe, eine Orgel zu bekommen. Nachdem alles andere fehlgeschlagen, schickte er einen Zettel aus, der sollte bei den wohlhabendsten Leuten der Gemeinde umgehen, damit diese freiwillig Beiträge zeichneten. Der Zettel ging zuerst an den Junker von Böselager in Lehe und kam erst nach drei Jahren an den Lehrer zurück. Da hatte denn der von Böselager 30 Taler gezeichnet, sonst aber niemand. Inzwischen war der von Böselager gestorben und hatte lachende Erben hinterlassen. Da machte der Lehrer hinter die 30 noch eine Null, so daß es hieß 300 Taler. Die Erben zahlten diese Summe aus, und dafür ward dann die erste Orgel der Wiefelsteder Kirche angeschafft.

2.

Ein Junker zu Lehe war vor das Vehmgericht in Westfalen geladen, und da er vermutete, daß er nicht wiederkommen werde, vermachte er sein Vermögen der Kirche zu Wiefelstede mit der Bitte, sein Banner und seine Waffen zu ewigen Tagen in der Kirche aufzubewahren. Er verreiste und kehrte nicht wieder, er mußte die Mutter Gottes küssen. Seinem Vermächtnisse gemäß hängt seine Fahne noch jetzt unter dem Gewölbe der Kirche zu Wiefelstede; seine Waffen sind in einem Kasten an dem Nordende der Kirche aufbewahrt.

 

 

Hauptgrund für den Mangel an adeligen Vorbildern war, dass das hier regierende Haus der Grafen von Oldenburg den niederen Adel in seiner Zahl und seiner Bedeutung im Verlaufe der Herausbildung seiner Landesherrschaft so stark geschwächt hatte, dass die verbliebenen adeligen Familien in ihrer Lebensführung zumeist nur noch großbäuerlichem Stil folgen konnten.

 

Das Testament des Majors Wolf von Böselager und ein Blick auf seine Familie und seinen Werdegang erschließen uns  dagegen das typische zeitgenössische Bild eines adeligen Offiziers, der im Krieg ein offenbar sehr beachtliches Vermögen erwarb, seinen Abschied genommen hatte und nun ein standesgemäßes Leben führen wollte - und der selbstverständlich auch für ein ebensolches Begräbnis vorsorgte.

 

Die Herkunft des "Junkers von Lehe"

 

Wolf von Böselager (1669-1727) stammt aus einer alten adeligen Familie, die in zahlreichen Regionen Deutschlands Fuß fassen konnte und deren Mitglieder im Verwaltungs- und Militärdienst Karriere machten und als Gutsherren ihren Unterhalt fanden.

 

Zuerst hört man von der Familie im 14. Jahrhundert im Raum Halberstadt. Nach Nordwest-Deutschland kommt ein Mitglied der Familie, als die jeversche Landesherrin Maria (1511-1575) auf der Suche nach auswärtigen Adeligen für den Verwaltungsdienst auf den Offizier Joachim von Boeselager (1532-1615) aufmerksam wird. Sie beruft ihn 1559 zunächst in die Position eines Hofjunkers. Im Jahre 1574 steigt er auf in das Amt des Drosten - also des Leiters der Jeverschen Landesverwaltung.

 

Joachim von Boeselager war dreimal verheiratet und baute dabei Verbindungen zu führenden Adelshäusern Jevers und Ostfrieslands auf. Innerhalb des Landes Jever erwarb er mehrere Güter, für die er Adelsfreiheit erlangte. Seinen Wohnsitz nahm er in der Stadt Jever in der später nach ihm benannten Drostenstraße. Sowohl als Leiter der politischen Verwaltung als auch bald als Vertreter des landständischen Adels erlangte Boeselager eine zentrale Bedeutung im Jeverland.

 

Joachim von Boeselager erwarb nicht nur das erklärtermaßen besondere Vertrauen des Fräulein Maria, sondern auch das ihres Erben, des Grafen Johann von Oldenburg und dessen Sohnes und Nachfolgers Anton Günter. Diese ließen ihn nicht nur in seinem Amt, sondern verliehen ihm darüber hinaus die Aufgabe des Statthalters in Jever.

 

Während der älteste Sohn des Drosten, Wolfgang von Boeselager, den Familienzweig Honeburg gründet, der innerhalb des osnabrückischen und des münsterschen Adels eine Rolle spielen sollte, übernahm sein Sohn Henning von Boeselager (1574-1626) das adelsfreie Haupterbe im Jeverland.

 

Das gute Verhältnis zum oldenburgischen Landesherrn pflegte die Familie Boeselager auch weiterhin. Henning von Boeselager war als junger Mann - wie auch sein älterer Bruder - Hofjunker des Grafen Anton Günter. Der Graf übernahm auch die Patenschaft für dessen dritten Sohn Anton Günter von Boeselager (1610-1673).

 

Anton Günter erhielt seine Erziehung am Hof zu Oldenburg, wo er u.a. zwei Jahre als Page seines Landesherrn tätig war. 1639 ging er in den Militärdienst und stieg bis zum Fürstlich osnabrückischen Rittmeister auf. Da er als Erbe des jeverschen Familienbesitzes nicht in Frage kam, versuchte er nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, durch standesgemäße Einheirat im Niederstift Münster landsässig zu werden. 1650 heiratete er die Erbin Margarete von Dorgelo, Herrin auf Gut Lethe. Aus dieser Ehe ging eine Tochter hervor, die nach ihrer Eheschließung das Gut Lethe erben sollte.

 

Anton Günter kaufte sich 1663 vorsorglich ein adelig freies Gut bei Elsfleth, um beim Eintreten dieses Falls wieder einen standesgemäßen Sitz zu haben. In zweiter Ehe heiratet er Wilhelmine Maria von der Lieth zu Elmlohe (im Bremischen). Mit ihr hatte er acht Kinder - und das sechste war Wolf von Boeselager (1669-1727).

 

Wolf von Boeselager: Der Junker von Lehe

 

Gerade vier Jahre war dieses Kind, als der Vater starb und drei Jahre später sollte er auch die Mutter verlieren. Wolf von Boeselager wuchs unter der Vormundschaft eines Onkels auf Gut Lethe auf und ging dann in den münsterschen Offiziersdienst. 1719 hatte er "dem Bischof von Münster als Major einige Zeit gedienet" und, da er nach seinen eigenen Worten "die Krieges-Fatüguen müde gewesen", nahm er den Abschied.

 

Ohne Aussicht auf die Erbschaft eines angemessenen Sitzes, befand er sich in einer ähnlichen Situation wie einst sein Vater, und so suchte er schon länger einen Weg, sich auf dem Lande sesshaft zu machen. Bereits 1703 hatte er die Witwe Auguste von Dorgelo, Erbin des Gutes Höven (Kirchspiel Wardenburg) geheiratet. Er zeichnete fortan als "Erbherr zu Höven" und hatte zunächst eine standesgemäße Position erreicht. Kinder gingen aus dieser Ehe nicht hervor und nach dem frühen Tod seiner Frau musste Wolf von Boeselager das Gut ihren Erben - den Kindern aus erster Ehe - überlassen.

 

Standesgemäß leben:

Adelsfreiheit und Jagdgerechtigkeit

 

Als Ersatz suchte Wolf nach einem eigenen Besitz. Im Norden der Grafschaft Oldenburg, in Lehe im Kirchspiel Wiefelstede, konnte er einen Hof erwerben. Die Landstelle war bisher eine gräfliche Schäferei gewesen und mit den Rechten einer halben Hausmannsstelle ausgestattet. Viel Vermögen war mit dieser Landstelle nicht zu erwerben - doch darin lag das Interesse des neuen Besitzers auch nicht.

 

Gleich nach dem Erwerb richtete er am 22. April 1719 einen Brief an den damaligen Landesherrn, König Friedrich IV. von Dänemark, mit der Bitte, dem Hof die Adelsfreiheit und Jagdgerechtigkeit zu verleihen:

 

"Wasmaßen ich in dem Ambte Rahstette nahe an den Varelschen Gräntzen ins Mohr ein halbes bauerpflichtiges Erbe, Leeh genant, so vor diesen eine gräfliche Schäferei gewesen, an mich erhandelt habe, woselbst meine Wohnung nehmen und dasjenige, was im Kriege ersparet, anwenden und davon zu leben mich resolviret habe. Wan aber, allergnädigster König und Herr, als ein Edelmann und Officier nicht gerne von einem Beambten dependieren möchte und dahero das halbe Erbe nicht um Profits willen, sondern der Honeur halber gerne adelich frey und dabei eine kleine Jachtgerechtigkeit haben möchte."

 

500 Taler bot er dafür als Gegenleistung an - ohne Erfolg. Auch in den folgenden Jahren verfolgte Wolf von Boeselager sein Ziel weiterhin - vor allem, um sich "von dem niedrigen Foro und Beamten zu befreyen", also aus dem Gerichts- und Verwaltungsstand vor dem Rasteder Vogt entlassen zu werden und als Adeliger standesgemäß der Regierung in Oldenburg direkt unterstellt zu werden. Auch seine Bemühungen, "gleich anderen Adelichen mit der niedern Jagt beneficirt" zu werden, setzte er fort - bis an sein Lebensende jedoch beides ohne Erfolg, obwohl er seine finanziellen Angebote stetig steigerte.

 

Gleichzeitig war er auf einen standesgemäßen Sitz in der Kirche zu Wiefelstede bedacht. Ein solcher stattlicher, mit hölzernen Fenstern umgebener "Stuhl" wurde ihm genehmigt. Wie der Wiefelsteder Pastor Anton Günther Peters im Patrimonialbuch der Gemeinde  verzeichnete, "weil er an der Mauer ist und niemand etwas dawider haben konte, hat der selige Major Boeselager, damaliger Besitzer von dem Erbe zu Lehe, Tür und Fenster lassen daran machen, wiewol er nur gar selten hineingekommen."

 

 

Standesgemäß sterben:

Wappen und Fahne im Kirchenchor

 

Von seinem Streben nach einem standesgemäßen Begräbnisplatz zeugt schon die oben angeführte Vereinbarung des Majors mit dem Wiefelsteder Pastor Peters, die der Kirchengemeinde Wiefelstede zu ihrer ersten Orgel verhalf.

 

"Den 20. Martii (1727) ist der Herr Major Böselager, welcher einige Jahre auf seinem Erbe zum Lehe gewohnet, alhier in der Kirchen vor seinem Stuhl im Gange beerdiget, alt 58 Jahr". Dieser Eintrag im Wiefelsteder Kirchenbuch bestätigt die Erfüllung des Vertrages. Der Wappenschild befindet sich bis zum heutigen Tage an der Südseite des Kirchenschiffs - als einziger in dieser nordoldenburgischen Kirche übrigens.

 

Auch der Kirchenstuhl ist an der rückwärtigen Seite des Kirchenschiffs erhalten. Neben dem Stuhl des Landesherrn, der sich im Chor befindet, ist dies der einzige Adelsstuhl in dieser ältesten Kirche des Ammerlandes. Auch der Degen des Majors befindet sich noch im Besitz der Kirche. Nur die Fahne ist offenbar verschwunden. Es gibt in der Gemeinde keine Erinnerung mehr an sie und vermutlich ist sie schon lange zerfallen.

 

Die Abwicklung des Erbes übernahm vereinbarungsgemäß das Konsistorium zu Oldenburg, das sich auch um die Eintreibung der Forderungen des Verstorbenen kümmerte und für die Auszahlung der sich ergebenden 300 Reichsthaler für die Anschaffung der Orgel sorgte. Kinder hatte der Major Wolf von Boeselager nicht, und Erbe seines sonstigen Vermögens war ein Neffe des Verstorbenen,  F. C. von Rüsche/Haus Strohe (Langförden), der sich als münsterscher Leutnant v. Reusch nannte.

 

(Die Hofstelle wurde verkauft und kam wieder in bäuerliche Hände. Im 19. Jahrhundert sollte sie im Verlauf der Gemeinheitsteilung (1820) durch Zuweisung von Moor- und Heideland umfangreich erweitert werden: Die Hofbesitzerfamilie Garms  ließ eine Windmühle (1876) mit Sägewerk errichten, gründete eine Ziegelei (1880) und baute vier Heuerhäuser für jeweils zwei Familien, davon eines mit einer Schmiede. Im frühen 20. Jahrhundert kam der Hof an die Familie Käseberg - und unter diesem Namen ist er den Einheimischen auch heute noch bekannt.)

 

Quellen:

Patrimonialbuch der Kirche zu Wiefelstede Sign. 233 "B" "P"

August Wilhelm Schmidt: Vom notwendigen "Äquivalent", eine Orgel zu bauen. Wiefelstede 1984

Friedrich von Klocke: Die Familie von Boeselager. Münster 1976

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